Sonntag, Februar 12, 2006

Kein Kampf der Kulturen, sondern zweier Un-Kulturen"

Günter Grass nennt
die islamischen Proteste
eine fundamentalistische Antwort
auf eine fundamentalistische Tat



Die spanische Zeitung "El Pais" hat am Donnerstag Interviews mit den Literaturnobelpreisträgern José Saramago und Günter Grass zum Streit um die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Beide Schriftsteller kritisieren scharf die Veröffentlichung der Karikaturen und geben dem Westen die Schuld an der Eskalation des Konflikts. Wir dokumentieren das Interview mit Günter Grass.


Frage: Hat es Sie überrascht, daß die Veröffentlichung der Karikaturen eine solche Polemik ausgelöst hat?


Günter Grass: Ja und nein. Wir wissen alle, daß es ein Gesetz gibt, geschrieben oder ungeschrieben, das in der islamischen Welt sowohl die Abbildung Allahs als auch seines Propheten Mohammed verbietet. Es handelt sich hier um eine bewußte und geplante Provokation einer rechten dänischen Zeitung. Diese hatte einen Karikaturwettbewerb ausgerufen, an dem einige sich teilzunehmen weigerten mit dem Hinweis auf das Tabu, Mohammed graphisch darzustellen. Die Zeitung konsultierte sogar einen dänischen Islamexperten, der Warnungen aussprach. Aber die Zeitungsleute haben trotzdem weitergemacht, weil es radikale, ausländerfeindliche Rechte sind.


Frage: Haben Sie die gewalttätigen Ausschreitungen überrascht?


Grass: Wir leben in einer Zeit, in der einer Gewalttat die nächste folgt. Die erste ist die durch den Westen gewesen, die Invasion des Irak. Heute wissen wir, daß damit internationales Recht gebrochen wurde; der Krieg wurde allein auf Grundlage von Bushs fundamentalistischen Argumenten geführt, daß es ein Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen sei. Was wir jetzt sehen, ist die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat. Mitnichten findet hier ein Kampf der Kulturen statt - vielmehr ist es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Un-Kulturen.


Frage: Was sollte dagegen getan werden? Hilft Selbstzensur?


Grass: Im Westen wird derzeit selbstgefällig die Diskussion über den Grundsatz geführt, daß wir das Recht auf eine freie Presse genießen. Aber wer hier nicht Selbstbetrug betreibt, weiß genau, daß die Zeitungen von Anzeigen leben, und daß sie Rücksicht darauf nehmen, was bestimmte wirtschaftliche Kräfte diktieren. Die Presse selbst ist Teil enormer Unternehmensgruppen, welche die öffentliche Meinung monopolisieren. Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen. So lang sind die Zeiten der Majestätsbeleidigung noch nicht vorbei, und wir sollten nicht vergessen, daß es Orte gibt, die keine Trennung von Staat und Kirche kennen. Woher nimmt der Westen die Arroganz, bestimmen zu wollen, was man tun darf und was nicht? Ich empfehle wirklich allen, sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den "Stürmer". Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht. Man kann nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung geltend machen, ohne zu analysieren, wie es um diese im Westen wirklich steht.


Frage: Ist das der Ausdruck eines "Kampfes der Kulturen"?


Grass: Das ist das, was Fundamentalisten beider Seiten wollen. Wir sollten aber anfangen, zu differenzieren. Wir haben das Glück der Renaissance, der Aufklärung gehabt und damit einen schmerzhaften Prozeß durchgemacht, der uns eine Reihe Freiheiten gebracht hat, die immer noch bedroht sind. Die islamische Welt hat diesen Prozeß nicht durchgemacht, sie befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe. Und das muß man respektieren.

Frage: Wird es in Zukunft ähnlich explosiv weitergehen?


Grass: Ich fürchte schon. Die Wunden sind bereits tief, nicht nur in den arabischen Ländern, sondern in den armen Ländern allgemein. Der Westen scheint nicht in der Lage zu sein, einen Weg zu finden, diese Länder wie gleichberechtigte Partner zu akzeptieren. Es war unmöglich, für sie dieselben Verhältnisse zu schaffen, die wir für uns in Anspruch nehmen. In den siebziger Jahren schrieb Willy Brandt im Auftrag der Uno einen Bericht über die Nord-Süd Problematik und sagte die Schwierigkeiten voraus, die wir heute haben. Dieser Bericht ist nach wie vor aktuell.


Frage: Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Intoleranz gemacht?


Grass: Ich habe als Autor eine gewisse Intoleranz erlebt. Als ich die "Blechtrommel" veröffentlichte, begann man Prozesse gegen das Buch, beschuldigte es der Blasphemie und Pornographie - sowohl in den kommunistischen Ländern, als auch in Spanien und Portugal, wo es verboten war. Vor zwei Jahren trafen wir uns im Jemen mit westlichen und arabischen Schriftstellern, um über literarische Themen zu sprechen, unter anderem über Erotik. Für die Araber war das ungewohnt, aber am Ende gelang die Diskussion. Man kann über alles reden, selbst über konfliktreiche Themen, wenn jeder die Toleranz mitbringt, die er auch vom anderen erwartet - selbst wenn der eine andere Vorstellung von Kultur hat, die von eigenen Tabus bestimmt wird.


Übersetzung: Stefanie Bolzen und Jennifer Wilton